Alte “Zitate der Woche”

In diesem Post habe ich alle “Zitate der Woche” gesammelt, die an meiner Pinnwand im Zimmer 304 aushingen seit wir in die neue Schule eingezogen sind. Da ich nich weiß, wie es mit dieser Kategorie weiter geht, muss das erstmal für die Befriedigung der Nostalgie genügen.

Jeder ist herzlich eingeladen, mich in der Schule zu besuchen und im Zitate-Hefter zu stöbern. Außerdem könnt ihr euch die kleine Sammlung auch als *.pdf Dokument herunterladen.

080218

In irgend einem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Thiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmüthigste und verlogenste Minute der “Weltgeschichte”: aber doch nur eine Minute. Nach wenigen Athemzügen der Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Thiere mussten sterben. – So könnte Jemand eine Fabel erfinden und würde doch nicht genügend illustrirt haben, wie kläglich, wie schattenhaft und flüchtig, wie zwecklos und beliebig sich der menschliche Intellekt innerhalb der Natur ausnimmt; es gab Ewigkeiten, in denen er nicht war; wenn es wieder mit ihm vorbei ist, wird sich nichts begeben haben. Denn es giebt für jenen Intellekt keine weitere Mission, die über das Menschenleben hinausführte. Sondern menschlich ist er, und nur sein Besitzer und Erzeuger nimmt ihn so pathetisch, als ob die Angeln der Welt sich in ihm drehten. Könnten wir uns aber mit der Mücke verständigen, so würden wir vernehmen, dass auch sie mit diesem Pathos durch die Luft schwimmt und in sich das fliegende Centrum dieser Welt fühlt. Es ist nichts so verwerflich und gering in der Natur, was nicht durch einen kleinen Anhauch jener Kraft des Erkennens sofort wie ein Schlauch aufgeschwellt würde; und wie jeder Lastträger seinen Bewunderer haben will, so meint gar der stolzeste Mensch, der Philosoph, von allen Seiten die Augen des Weltalls teleskopisch auf sein Handeln und Denken gerichtet zu sehen.

Friedrich Nietzsche: Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne, KSA Bd. 1, S. 875f. (Nietsche: Kritische Studienausgabe, hg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari)

080225

Das Staunen ist das Fundament der ganzen Philosophie; ihr Fortschreiten geschieht durch das fortgesetzte Untersuchen der Dinge; ihr Ende schließlich ist Unwissenheit.

Michel de Montaigne (1533-1592)

080303

Man sollte sich nicht mehr darum kümmern, ob das was man glaubt, gut fundiert ist, sondern sich allmählich darum kümmern, ob man genügend Phantasie aufgebracht hat, um sich interessante Alternativen zu den gegenwärtigen Überzeugungen auszudenken.

Richard Rorty, Hoffnung statt Erkenntnis, Wien 1994, S. 25.

080310

…dass der Boss nicht sterben kann, ist nun gerade die abscheulichste Einschränkung seiner Allmacht.

Harry Mulisch, Die Entdeckung des Himmels, Reinbek 1998, S. 11.

080317

Die Feststellung, dass Werte etwas Subjektiveres sind als Fakten, besagt nichts weiter, als dass Einigkeit über die Hässlichkeit der Dinge oder über die Bosheit von Handlungen schwerer zu erzielen ist als Einigkeit über die Rechteckigkeit gewisser Dinge.

Richard Rorty, Hoffnung statt Erkenntnis, Wien 1994, S. 42.

080331

Nichts kommt der Ignoranz moderner Philosophen in Sachen Naturwissenschaft gleich außer der Ignoranz moderner Wissenschaftler in Sachen Philosophie.

É. H. Gilson, zit. nach Erhard Scheibe, Die Philosophie der Physiker, München 2006, S. 21.

080407

Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen […] gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein.

Immanuel Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? in: Werke in zehn Bänden, hg. von Wilhelm Weischedel, Bd. 9, Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik, S. 53 (A 481).

080414

Dass die Lämmer den grossen Raubvögeln gram sind, das befremdet nicht: nur liegt darin kein Grund, es den grossen Raubvögeln zu verargen, dass sie sich kleine Lämmer holen. Und wenn die Lämmer unter sich sagen „diese Raubvögel sind böse; und wer so wenig als möglich ein Raubvogel ist, vielmehr deren Gegenstück, ein Lamm, – sollte der nicht gut sein?“ so ist an dieser Aufrichtung des Ideals Nichts auszusetzen, sei es auch , dass die Raubvögel dazu ein wenig spöttisch blicken werden und vielleicht sich sagen: „wir sind ihnen gar nicht gram, diesen guten Lämmern, wir lieben sie sogar: nichts ist schmackhafter als ein zartes Lamm.“ – Vonn der Stärke verlangen, das sie sich nicht als Stärke äussere […], ist gerade wo widersinnig als von der Schwäche verlangen, dass sie sich als Stärke äussere.

Friedrich Nietzsche, Zur Genealogie der Moral, in KSA Bd 5, S. 278f.

080421

Wir warten schon lange darauf, daß sich Christen im Wohlstand anständiger verhalten als Heiden im Wohlstand.

Richard Rorty, Das Kommunistische Manifest 150 Jahre danach: Gescheiterte Prophezeiungen, glorreiche Hoffnungen, Frankfurt am Main 1998, S. 9.

080428

Der Umgang mit wohlgearteten und lebenstüchtigen Männern hat das Ärgernis der Seltenheit, den mit schönen und edlen Frauen lässt das Alter welken. Daher hätten beide Arten des Umgangs meine Lebensbedürfnisse keineswegs hinlänglich befriedigen können, wäre als dritter nicht der Umgang mit Büchern hinzugekommen. Er ist weitaus zuverlässiger und mehr uns selbst an die Hand gegeben.

Michel de Montaigne, Von der Kunst, das Leben zu lieben, Frankfurt/M. 2005, S. 39.

080505

Wissen Sie, wenn ein Kopf und ein Buch zusammenprallen und das Ganze klingt hohl, so muss das keineswegs immer am Buch liegen!

Michael Schmidt-Salomon

080513

Wir trachten nach anderen Lebensformen, weil wir die unsere nicht zu nutzen verstehen. Wir wollen über uns hinaus, weil wir nicht erkennen, was in uns ist. Doch wir mögen auf noch so hohe Stelzen steigen – auch auf ihnen müssen wir mit unseren Beinen gehen. Und auf dem höchsten Thron der Welt sitzen wir nur auf unserem Arsch.

Michel de Montaigne

080519

Aber Liebe zu Gott als Neigung […] ist unmöglich; denn er ist kein Gegenstand der Sinne. Eben dieselbe gegen Menschen ist zwar möglich, kann aber nicht geboten werden; denn es steht in keines Menschen Vermögen, jemanden bloß auf Befehl zu lieben.

Immanuel Kant, Metaphysik der Sitten, A 149.

080526

Das Lieben ist ein Handel, der auf Gegenseitigkeit beruht. Für die übrigen Freuden, die man uns zukommen lässt, können wir uns durch Gaben andrer Art erkenntlich zeigen, diese aber lohnt man nur mit gleicher Münze.

Michel de Montaigne, Von der Kunst, das Leben zu lieben, übersetzt, ausgewählt und herausgegeben von Hans Stilett, Frankfurt/M. 2005, S. 71.

080602

Science doesn’t make it impossible to believe in God. Science only makes it possible not to believe in him.

Stephen Weinberg as quoted by Lawrence Krauss in a discussion with Richard Dawkins.

080609

Wenn eine Kultur einen logischen Raum konstruieren möchte, der beispielsweise die Götter und die Göttinen des olympischen Pantheons umfasst, steht dem ebensowenig im Wege wie im Falle Conan Doyles, als er die Liste der kanonischen Designatoren der Holmes-Welt aufstellte. Doch wenn man, nachdem sich eine solche Kultur eingebürgert hat, fragt: „Gibt es denn wirklich Götter und Göttinen?“, ist das so ähnlich, als wollte man fragen: „Gibt es denn wirklich Zahlen?“ oder „Gibt es wirklich psychische Gegenstände?“. Wer eine solche Frage stellt, muss einen guten Grund dafür haben, dass er sie aufwirft. „Intellektuelle Neugier“ ist kein solcher Grund. Wer eine fortwährende kulturelle Praxis in Frage stellt, muss erstens erklären, welche Praxis an die Stelle der alten treten könnte, und zweitens darlegen, wie sich dieser Ersatz in die Umgebungspraktiken einfügen wird.

Richard Rorty, Kulturpolitik und die Frage der Existenz Gottes, in: ders., Philosophie als Kulturpolitik, Frankfurt/M.: Suhrkamp 2008, S. 43f.

080616

“Wie wird man richtig gut? – Trainiere mehrere Stunden täglich.”

Dave Finnigan, Alles über die Kunst des Jonglierens.

080623

Wenn man sich ständig sieht, das kennt jeder aus Erfahrung, empfindet man nicht dasselbe Vergnügen, wie wenn man abwechselnd sich trennt und neu entbrennt.

Michel de Montaigne, Von der Kunst, das Leben zu lieben, übersetzt, ausgewählt und herausgegeben von Hans Stilett, Frankfurt/M. 2005, S. 92.

080707

Reality is almost always wrong.

Greg House on House MD, Season 1 Episode 3.

[zum Faust]

Im Grunde genommen ist es die Liebesgeschichte eines Intellektuellen mit einer Kleinbürgerin. Das muss ja mit dem Teufel zugegangen sein.

Berthold Brecht

080901

Ein philosophisches Problem hat die Form: „Ich kenne mich nicht aus.“

Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, Werkausgabe Bd. 1, Frankfurt/M.: Suhrkamp 101995, S. 302.

More than 300 million people in the world speak English and the rest, it sometimes seems, try to. It would be charitable to say that the results are sometimes mixed.

Bill Bryson, Mother Tongue.The English Language, London: Penguin Books 1991, p. 1.

080908

Rationale Argumente bringen nichts bei religiösen Menschen. Sonst gäbe es keine religiösen Menschen auf der Welt.

Greg House in Dr. House , Staffel 4, Folge 2.

O, how much more doth beauty beauteous seem
By that sweet ornament which truth doth give!

William Shakespeare, Sonnet 54, ll. 1-2.

080915

When my love swears that she is made of truth

I do believe her, though I know she lies.

William Shakespeare, Sonnet 138, ll. 1-2.

Man kann von einem Ding nicht aussagen, es sei 1 m lang, noch, es sei nicht 1 m lang, und das ist das Urmeter in Paris. – Damit haben wir aber diesem natürlich nicht irgend eine merkwürdige Eigenschaft zugeschrieben, sondern nur seine eigenartige Rolle im Spiel des Messens mit dem Metermaß gekennzeichnet.

Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, Werkausgabe Bd. 1, Frankfurt/M.: Suhrkamp 101995, S. 268.

080922

Absence of evidence is not evidence of absence.

Carl Sagan as quoted by Lawrence Krauss in a discussion about atheism with Richard Dawkins.

Die verschiedenen Sprachen neben einander gestellt zeigen, dass es beiden Worten nie auf die Wahrheit, nie auf einen adäquaten Ausdruck ankommt: denn sonst gäbe es nicht so viele Sprachen.

Friedrich Nietzsche: Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne, KSA Bd. 1, S. 879.

080929

Philosophischer Fortschritt besteht so nicht in der Entdeckung neuer Erfahrungstatsachen, aber auch nicht in der Herstellung neuer Technologien, sei es zur Produktion von Brot oder von Bomben.

Die Philosophie nützt in diesem unmittelbaren Sinne nichts, schadet jedoch auch nichts. So konnte eine Schülerin meine Frage „Was ist eine philosophische Frage?“ nicht ganz zu unrecht so beantworten: „Eine philosophische Frage ist eine Frage, wo die Antwort nicht wichtig ist.“

Rafael Ferber, Philosophische Grundbegriffe 1, S. 17.

081006

Unsere Sprache kann man ansehen als eine alte Stadt: Ein Gewinkel von Gässchen und Plätzen, alten und neuen Häusern, und Häusern mit Zubauten aus verschiedenen Zeiten; und dies umgeben von einer Menge neuer Vororte mit geraden und regelmässigen Strassen und mit einförmigen Häusern.

Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, § 18, Werkausgabe Bd. 1, Frankfurt/M.: Suhrkamp 101995, S. 303.

081103

Die Arbeit des Philosophen ist ein Zusammentragen von Erinnerungen zu einem bestimmten Zweck.

Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, Werkausgabe Bd. 1, Frankfurt/M.: Suhrkamp 101995, S. 303.

081110

Tantum religio potuit suadere malorum.

Lukrez, De rerum natura

081117

As if you could kill time without injuring eternity.

Henry David Thoreau, Walden

081124

What demon possessed me that I behaved so well?

Henry David Thoreau, Walden

081201

The cost of a thing is the amount of what I will call life which is required to be exchanged for it, immediately or in the long run.

Henry David Thoreau, Walden

081208

My greatest skill has been to want but little.

Henry David Thoreau, Walden

081215

Practically the old have no very important advice to give the young, their own experience has been so partial, and their lives have been such miserable failures

Henry David Thoreau, Walden

090105

[W]ir haben eine Kritik der moralischen Werthe nöthig, der Werth dieser Werthe ist selbst erst einmal in Frage zu stellen – …

Friedrich Nietzsche, Zur Genalogie der Moral, KSA Bd. 5, S. 253.

090119

Arm dran ist meines Erachtens, wer bei sich zu Hause nichts hat, wo er bei sich zu Hause ist.

Michel de Montaigne, Von der Kunst, das Leben zu lieben, übersetzt, ausgewählt und herausgegeben von Hans Stilett, Frankfurt/M. 2005, S. 42

090126

“Wenn die Befürworter [der Kampagne ProReli in Berlin; S.K.] die Vermittlung von Werten lieber in den Händen der Religionsgemeinschaften als beim demokratischen Staat sehen und behaupten, das eine schließe das andere aus, behindere es zumindest gewaltig – welche Konsequenzen birgt es?”

Julia Franck, Der Spiegel Nr. 4 /19.1.09, S. 125.

090202

Arm dran ist meines Erachtens, wer bei sich zu Hause nichts hat, wo er bei sich zu Hause ist.

Michel de Montaigne, Von der Kunst, das Leben zu lieben, übersetzt, ausgewählt und herausgegeben von Hans Stilett, Frankfurt/M. 2005, S. 42

090309

Rodin was no fool

When he cast his Thinker,

Cogitating deeply,

Crouched in the position

Of a man at stool.

W.H. Auden

090406

Real problems aren’t number-shaped, they’re people-shaped.

Stephen Fry, Making History, New York: Soho Press 1996, p. 78.

090420

Der volle Abfalleimer ist eine Dose aus der untersten Reihe meiner Sorgenpyramide.

Volker Strübing: Kloß und Spinne, 16. Folge: Das Leben ist ein Ponyhof

090504

“I endeavour to give satisfaction, sir,” said Jeeves

P.G. Wodehouse

090902

If it wasn’t for Sorates, that raving untreated schizophrenic, we wouldn’t have the Socratic Method, the best way of teaching everything – apart from juggling chainsaws.”

Wenn Sokrates nicht gewesen wäre, der irre unbehandelte Schizophrene, gäbe es keine Sokratische Methode, die Lehre für alles – bis auf das Jonglieren mit Kettensägen.”

Greg House in “House,” Staffel 1 Folge 4, bei 6min51sek

091001

BBC Reporter: If I may ask you a question in English and if you would be so kind as to answer in English?

Guido Westerwelle: Wir können uns gerne mal außerhalb einer Pressekonferenz fabelhaft auch uns zum Tee treffen und dann sprechen wir nur Englisch. Aber – es ist Deutschland hier.

28. September 2009

Source: http://www.youtube.com/watch?v=R4pQlkshzm4

091026

Je mehr es zu Wechselwirkungen zwischen der Philosophie und anderen menschlichen Tätigkeiten kommt, desto größer wird ihre kulturpolitische Relevanz […] Je mehr die Philosophie nach Autonomie strebt, desto weniger Aufmerksamkeit verdient sie.

Richard Rorty, Philosophie als Kulturpolitik, Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 11.

100104

This is life, we suffer, we slave, we expire. That’s it.

Bernard Black in Black Books, Season 2, Episode 1..

100125

Natürlich kann ein Vegetarier sehr zivil mit einem Kannibalen über das gemeinsame Nachtmahl verhandeln; dabei sollte er aber das Küchenmesser nicht als Vorleistung abgeben.

Josef Joffe kommentiert Margot Käßmanns Haltung zum Krieg in Afghanistan. In Die Zeit 4/2010.

100222

If I knew for a certainty that a man was coming to my house with the conscious design of doing me good, I should run for my life.

Henry David Thoreau, Walden

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