Schafft endlich den Taler ab!

Gedanken zum Chemnitzer Weihnachtsmarkt.

“Jedes Jahr regst du dich wieder drüber auf,” sagt meine Frau. Das stimmt. Und sie hört sich das jedes Jahr geduldig wieder an.

Warum muss auf dem Mittelalterteil des Weihnachtsmarkts alles “Taler” kosten? Wollen die keine Euro? Warum muss die Bäckerei eine “Bäckerey” sein? Konnten die Fachverkäufer im Mittelalter überhaupt schreiben? Warum müssen die alle aus so unpraktischen Hörnern trinken? Kann man doch nirgends ordentlich abstellen. Warum reden die alle so als hießen sie Walter von der Vogelweide mit zweitem Vornamen? Sicher hat kein Mensch im Mittelalter einen anderen gefragt, “Edler Recke, darf ich euch einen heyssen Muselmanenaufguss darreychen?” Ja, man kann die Ypsilons richtig hören, wenn man auf diese Weise angesprochen wird! (Danke Christoph für dieses Juwel.)

Und eine letzte Frage: Ist es gezielte politische Unkorrektheit oder Provokation oder einfach nur Dummheit, wenn ein Getränkestand “Sarrazenblut” [sic!] zu “3,50 Taler” “feylbietet”?

Ich habe den Verdacht, die Betreiber des Mittelalter”spectaculums” telefonieren alle mit iPhones und fahren mit fetten Audis oder Hummers durch die Gegend. Und sicherlich scheißen sie nicht in ein Loch hinter ihrer Verkaufsbude mit einer Handvoll Schnee und Fichtenzweigen als Klopapier.

3 Responses to “Schafft endlich den Taler ab!”

  1. Andrej Says:

    Es ist der wahnhafte Drang zum mittelalterlichen, wenn es um Gemütlichkeit und Besinnung geht. Eine Modeerscheinung, die irgendwann auch wieder abklingt.

  2. Toni Lihs Says:

    Ich denke, Andrej, dass das nicht so schnell abklingen wird. Immerhin gibt es diesen Mittelalter-Trend ja schon seit dem Mittelalter.

    Aber Spaß beiseite: Ich finde deine Kritik gerechtfertigt, zu den Talern zumindest, gerechtfertigt, immerhin könnten kleine Kinder damit leicht verwirrt werden, wenn Mutti ihnen einen Euro in die Hand drückt und die Verkäuferin sagt “Einen Taler bitte.” Das Kind wird später wohl dann auch “Taler” statt “Euro” sagen, insofern bis dahin die Währung nicht schonwieder geändert wurde, weil der Euro nichtsmehr wert ist (siehe ‘Zins und Zinseszins, das nichtexistente Geld’).
    Die Sprache gehört aber leider auch zu dem Trend, auch wenn nichts davon geschichtlich korrekt ist, sondern reines Laienwissen (wobei ich mich dahingehend lieber nicht als Experte ausgebe, meine Abiturnote in Geschichte war auch nicht der Hit, obwohl Mittelalter nicht im Abitur verlangt war) bzw. Wissen aus Hollywoodphantasiesagaactionmüll.
    Nur eines hat mich am Mittelaltermarkt in Chemnitz immer glücklich gemacht: der Hanfmet … es schmeckt einfach himmlich.

  3. Kaliya Says:

    Wozu der Zynismus?
    Entscheidungen für einen Lebensstil umfassen viele Facetten – vom Jonglieren über Philosophiefaible bis “anachronistische Modeerscheinungen” wie Mittelalterschaustellerei.
    Als passionierte “Szenegängerin” (Gothic-, Orienttanzszene) bin ich mir der Widersprüche zu meinem Alltag bewusst – ich tauche nicht mit Korsett und Tornürenrock und gelben Kontaktlinsen an der Uni auf oder lege zu jedem türkischen Popsong ein Tänzchen mit Hüftschwung hin. Aber ich kann meinen Alltag damit bereichern – ob es das Bestellen von Falafel auf Arabisch ist oder das Tragen von extravanganteren Röcken oder einfach der intellektuellen Beschäftigung mit der Thematik. Ob Ägyptenfetisch im 19.Jhd., Mata Hari oder Mittelaltermärkte oder der “traditionell” gewandete chemnitzer Türmer, Nostalgie/Exotismus (wenn auch manchmal eher tongue-in-cheek) ist immer “in” und scheinbar ein intrinsisches Bedürfnis des modernen (westlichen) Menschen. Ist Brauchtumspflege (Sorben etc.) auch auf die gleiche Stufe zu stellen, immerhin passen diese Praktiken oft ebenfalls nicht mehr zu unserer “modernen” Lebensweise.
    Tipp: Falls ihr etwas masochistisch veranlagt seid, schaut euch mal “Steampunk” an. Wenn euch schon Taler erschaudern lassen, bin ich gespannt, welche Reaktion diese Mix-and-Match-Szene hervorruft.

    In einem stimme ich euch aber zu: Geschichtsverfälschung und -verflachung ist den wirklich an autentischerem reenactment Interessierten (die gibt es, egal in welcher Szene) ebenfalls ein Dorn im Auge.

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