Humber

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Zum ersten Mal bei einer englischen Schlange vorgedrängelt – dabei sind wir noch auf dem Kontinent. Glücklicherweise haben die Fahrer von all den Wohnmobilen und Handwerkerlastern lediglich lächelnd abgewunken als ich mich mit ungeschickten Gesten zu entschuldigen versuchte. Zu meiner Verteidigung kann ich aber sagen, dass der Ladeassistent der Fähre mich zu sich heran gewunken hat. Er meinte zwar er hätte mich „in die rechte Spur gewunken“, aber was soll’s, der Schaden war schon angerichtet.

Wir befinden uns alle an Bord des größten Schiffes, auf dem ich je gefahren bin. Deck 3, wo wir unser Auto parken mussten, weil es mit den Fahrrädern oben drauf nicht in das normale Autodeck passte, fühlt sich an wie ein Flugzeughangar. Tatsächlich ist es etwa 6 Meter hoch und 30 Meter breit. Wie lang es ist, kann ich nicht sagen, weil es schon weit beladen war, als wir einfuhren, wahrscheinlich über 100 Meter. Das Schiff ist 215 Meter lang und 31,5 breit. Die Pride of Hull und ihr Schwesterschiff, die Pride of Rotterdam haben jeweils Platz für 400 LKW und 250 PKW. Dazu kommen noch rund 1300 Passagiere. In jeder Kabine gibt es Dusche und Toilette und wir haben zu fünft genügend Platz, jeder ein seinem eigenen Bett tief zu schlafen, während uns die starken Maschinen der Fähre mit etwa 35 Kilometern pro Stunde Richtung Nordwesten vorantreiben.

Es ist zwanzig Minuten vor um neun, die Zeit, zu der wir planmäßig ablegen sollen. Die Vorbereitungen sind in vollem Gange. Das kann ich von Deck 11, aus ca. 20 Metern Höhe beobachten: die Ladecrew verlässt das Schiff über die Rampe. Andere Besatzungsmitglieder lockern die Leinen, die uns am Kai festhalten. Eigentlich sind es dicke Ketten, jedes Glied mindestens so schwer wie der kleine Alexander, der friedlich in seinem Kinderwagen schlummernd neben mir liegt. Der Kapitän begrüßt uns über die Sprechanlage an Bord. Es folgen Sicherheitsanweisungen in Englisch, Niederländisch und Deutsch.

Obwohl der Himmel wolkenverhangen ist, müssen wir auf die Sterne nicht verzichten. Scheinbar sind sie alle rund um uns herum vom Himmel gefallen. Klar, was ich sehe sind nur die Millionen Lichter des Rotterdamer Hafengebiets. Doch die freudige Erwartung einer langen Reise weit weg vom Alltag, ohne Arbeit und mit viel Zeit für meine Familie wirft ihren romantischen Schleier sogar über diese gigantische Industrieanlage.

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One Response to “Humber”

  1. blog.kurpierz.de » Blog Archive » Humber (English version) Says:

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